Eine Drachengeschichte

Der rote, blaue und gelbe Ritter saßen in ihrem roten Schloss am Mittagstisch. Gerade wollten Sie eine köstliche Suppe essen, da wurde es plötzlich dunkel im Saal.

„Hey, mach‘ das Licht wieder an“, sagte der gelbe Ritter und schaute den blauen Ritter grimmig an. „Hab‘ gar nichts gemacht“, entgegnete dieser. Tatsächlich. Vor den Fenstern war es dunkel. Da war was da draußen.

Die drei Ritter stürmten aus dem Speisesaal. Sie sahen erst nichts. Doch dann folgte ihr Blick dem Schlossturm. Dort saß ein riesiger schwarzer Drache. Seine gewaltigen Flügel, jeder so groß wie ein ausgewachsener Baum, verdeckten die Fenster des Speisesaals. Deshalb war es so dunkel geworden.

Die Ritter erstarrten. Sie hatten ihre Schwerter noch im Speisesaal gelassen. Wie sollten sie so gegen den Drachen kämpfen? Nun war es bereits zu spät: Der Drache hatte sich vom Schlossturm erhoben und flog mit gewaltigen Flügelschlägen auf die Ritter zu.

Knapp vor den Nasen der Ritter landete er. Er senkte seinen schwarzen Kopf und schaute die Ritter mit seinen glühenden grünen Augen an. Sein Atem roch nach Feuer.

„Was willst Du, Drache?“, rief der rote Ritter. Er hatte keine Angst vor dem Untier. „Ihr müsst mir helfen“, antwortete der Drache. Er hatte eine dunkle, gewaltige Stimme, die die Erde zum Zittern brachte. Und er erzählte weiter: „Ein Schneetroll hat mein Drachenkind entführt und in seine Höhle geschafft. Er hat ihn so gut versteckt, dass auch ich ihn nicht mehr finden kann.“ Der Drache erzählte, dass der Troll einen Schatz wollte. Ansonsten würde er das Drachenkind nicht mehr hergeben.

„Was für ein Schatz will der Troll?“, fragte der gelbe Ritter. Der Drache holte tief Luft und sein Gesicht verfinsterte sich. Dann sagte er mit lauter Stimme: “Den roten Rubin“.

Die drei Ritter wussten sofort, von was der schwarze Drache sprach. Der rote Rubin war der wertvollste Edelstein im Land. Noch viel wertvoller als das gesamte Gold des Goldbergs, den Diamanten des Dunkelbergs und das Silber des Sonnenwaldes. Der Troll, so schien es, war sehr gierig.

Der rote Rubin war an einem fernen Ort: auf dem hohen Eisberg. Viele tausende Meter über der Erde. Dort war es so kalt, dass die Luft beim Ausatmen sofort gefror und kein Mensch dort leben konnte. „Ich kann dort nicht auf den Berg fliegen“, sagte der schwarze Drache grimmig. „Meine Flügel würden zu Eis erstarren und ich würde in die Tiefe stürzen.“

„Wir helfen dir“, sagte der blaue Ritter. Freundlich nickte der schwarze Drache und flog weg. Sogleich machten sich die Ritter auf dem Weg zum Eisberg. Sie kletterten viele Tage in die Höhe, so gewaltig war der Berg. Dann endlich hatten sie die Spitze erreicht. Sie sahen dort endlich die Höhle.

Vorsichtig blickten sie hinein. Dort am hinteren Ende leuchtete etwas rötlich. Es war der rote Rubin. Doch davor lag etwas. Es atmete. Was war das? Die Ritter konnten vor Dunkelheit nicht sehen. Doch das „Etwas“ war sehr groß. Größer als alle drei Ritter zusammen.

„Kommt, wir gehen hin“, sagte der gelbe Ritter. Sie schlichen sich hinein. Doch da passierte es: der rote Ritter war auf einen Ast getreten. Plötzlich öffnete das Etwas seine Augen. Zwei gelbe, kleine Kreise funkelten die Ritter im Dunklen nun an. Es grollte und brüllte. Die Ritter flüchteten aus der Höhle. Das Wesen folgte ihnen.

Draußen vor der Höhle im Hellen sahen sie das Untier. Es war ein mächtiger Eisbär. Doch kein normaler. Dieses Exemplar hatte zwei Köpfe. Mit seinen gewaltigen Zähnen schnappte der doppelköpfige Bär nach den Rittern. „Wir müssen uns aufteilen“, rief der rote Ritter.

17352372973_f2ef58f85b_oEntschlossen packte der gelbe Ritter den einen Kopf des Bären. Der rote Ritter hielt den anderen Kopf fest in seinen Händen. Der Bär wurde nun noch wütender und wollte die Ritter abschütteln. Doch der blaue Ritter war schon am Hinterteil des mächtigen Tiers und schob dieses mit aller Kraft langsam nach vorn – in Richtung der Felsklippe. Mit einem kräftigen Tritt beförderte er den Bären in die Tiefe. Der Bär brüllte und plumpste in den Fluss unterhalb des Berges. Wütend und brüllend schwamm der Bär nun flussabwärts.

Die Ritter schnappten sich den roten Rubin und gingen zurück zum Schloss. Sie hielten den Stein in den Himmel. In diesem Augenblick fiel ein Sonnenstrahl direkt auf den Edelstein und färbte den ganzen Himmel rot. Der schwarze Drache hatte dieses Zeichen verstanden und kam zugleich angeflogen. Er nickte dankbar und nahm den roten Rubin in sein Maul und flog weg.

Es vergingen drei Tage. Die Ritter saßen wieder zum Mittagessen, da wurde es erneut dunkel im Saal. Sie stürmten heraus und da saß der schwarze Drache. Und auf seinem Rücken kauerte: der kleine Drache. Alles hatte also geklappt: Der Drache hatte den roten Rubin zum Troll gebracht und der hatte den kleinen Drachen gehen lassen.

„Wir sind gekommen, um Euch danke zu sagen“, rief der schwarze Drache mit bebender Stimme. In diesem Moment sprang der kleine Drache vom Rücken seines Vaters. Es war ein wirklich kleines Tier, gerade einmal so groß wie ein Pferd (für einen Drachen ist das wahrlich klein). Der Drache lief langsam auf die Ritter zu. Seine blauen Augen funkelten freundlich. Dann gab er dem gelben Ritter einen dicken Drachenkuss auf den Helm. Und auch dem roten und den blauen Ritter gab er einen. Den Rittern wurde es dabei ganz warm am Kopf, denn so ein Drachenkuss heizt ordentlich ein!

Der kleine Drache kletterte wieder auf den Rücken seines Vaters und hielt sich mit seinen Krallen dort fest. Der schwarze Drache breitete seinen gewaltigen Flügel aus und sagte: „Ihr edlen Ritter, ich stehe in Eurer Schuld. Ihr furchtlosen Krieger habt mir meinen Sohn wiedergebracht. Solltet Ihr einmal Hilfe brauchen, so ruft laut nach dem schwarzen Drachen. Ich werde zur Stelle sein und Euch helfen.“ Mit diesen Worten erhob sich der Drache und flog mit gewaltigen Flügelschlägen in den Sonnenuntergang.

ENDE


Update 26.2.2017: Jetzt auch als Hörgeschichte auf meinem YouTube Kanal.


11.12.2016. Diese Geschichte habe ich für meine beiden Kinder als Gute-Nacht-Geschichte erdacht. Vielleicht findet auch der ein oder andere Ritter- und Drachenfreund daran gefallen. 🙂

Weitere Drachen- und Troll-Geschichten findet Ihr hier.

 

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